Mach aus Glas
ein Einzelstück.
Wir nehmen eine ganz normale Glasvase und verändern sie so grundlegend, dass am Ende ein Objekt vor dir steht, das seine Funktion behalten hat, aber mit der Vase vom Anfang optisch nicht mehr besonders viel gemeinsam hat. Das Glas bleibt innen für Wasser und Blumen zuständig, während wir außen mit Pappmaché-Pulp eine völlig neue Form aufbauen.
Von der ersten
Papierfaser bis
zur fertigen Vase.
Wenn du den Kurs zum ersten Mal machst, gehst du am besten der Reihe nach durch, denn besonders am Anfang bauen die Schritte ziemlich direkt aufeinander auf. Später kannst du über die Inhaltsangabe einfach dorthin springen, wo du gerade noch einmal nachschauen möchtest.
Bevor wir die erste Vase anfassen, klären wir kurz, womit wir überhaupt arbeiten, denn unter dem Wort Pappmaché landen gern mehrere Techniken in derselben Schublade, obwohl sie sich beim Arbeiten ziemlich unterschiedlich anfühlen.
Pappmaché oder Pulp?
Der Unterschied ist für diese Vasen ziemlich wichtig.
Wenn du bei Pappmaché zuerst an Zeitungsschnipsel denkst, die in Kleister getaucht und anschließend Schicht für Schicht über eine Form gelegt werden, liegst du völlig richtig. Das ist die klassische Variante und sie eignet sich wunderbar, wenn eine vorhandene Form überzogen oder eine leichte Hülle aufgebaut werden soll.
Für unsere Vasen wollen wir allerdings stärker modellieren. Wir wollen an einer Stelle Volumen aufbauen, an einer anderen eine Kante entstehen lassen, Rundungen verändern und eine Oberfläche schaffen, bei der man später noch sehen darf, dass sie mit den Händen entstanden ist.
Deshalb arbeiten wir mit Pappmaché-Pulp, häufig auch Paper Mache Clay genannt. Das Papier liegt dabei nicht mehr in einzelnen Streifen vor, sondern wird in Fasern zerlegt und mit weiteren Zutaten zu einer formbaren Masse verbunden. Sie lässt sich auftragen und modellieren und ist deshalb für unsere skulpturalen Formen sehr viel interessanter.
Form.
Dein Pulp.
Das Rezept
Für den Kurs nehmen wir eine veröffentlichte Paper-Mache-Clay-Rezeptur von Jonni Good als Grundlage. Ich möchte trotzdem, dass du zuerst eine kleine Menge ausprobierst, denn Papier, Spachtelmasse und selbst die Luftfeuchtigkeit sorgen dafür, dass eine Masse bei dir ein bisschen anders ausfallen kann als bei jemand anderem.
Für den Binder verrührst du ½ Cup kaltes Wasser mit 2 Esslöffeln Weizenmehl. Danach kommen 1 Teelöffel Speisestärke, 1 Teelöffel Zucker und ungefähr 1 Teelöffel weißer Essig dazu.
Diese Mischung wird unter ständigem Rühren erwärmt, bis sie deutlich eindickt. Anschließend nimmst du sie vom Herd und lässt sie vollständig abkühlen, bevor du damit weiterarbeitest.
Für den eigentlichen Pulp vermischst du anschließend ½ Cup feuchtes, bereits gut zerfasertes Toilettenpapier – in der Originalrezeptur sind das ungefähr 24 Gramm trocken beziehungsweise 110 Gramm nass – mit ½ Cup gebrauchsfertiger Spachtelmasse und dem abgekühlten Binder.
Wenn die Papierfasern gleichmäßig verteilt sind und du keine größeren Papierklumpen mehr siehst, arbeitest du zunächst ungefähr ½ Cup Speisestärke portionsweise ein. Danach entscheidest du nicht mehr stur nach Messbecher, sondern nach der Masse vor dir: Ist sie noch zu weich und klebrig, kommt ein wenig mehr Stärke dazu. Wird sie bereits fest und gut modellierbar, hörst du auf.
In der Originalrezeptur wird zum Schluss ungefähr ein Teelöffel Mineral-, Baby- oder Leinöl als optionale Zutat eingearbeitet. Für unsere Arbeit ist wichtiger, dass du eine Masse bekommst, die sich gut verstreichen und formen lässt und ihre Form hält, ohne trocken und krümelig zu werden.
Und jetzt bitte noch nicht an die Vase.
Nimm zuerst ein wenig von deinem Pulp und mach drei kleine Probestücke. Beim ersten streichst du die Masse eher flach aus, beim zweiten baust du eine deutliche Erhebung und beim dritten spielst du mit der Oberfläche, indem du einen Teil glatter lässt und einen anderen bewusst gröber bearbeitest.
Lass die Stücke vollständig trocknen und schau sie dir danach noch einmal an. Hat die Erhebung ihre Form behalten? Sind größere Risse entstanden? Wie hart fühlt sich die Masse an? Welche Werkzeug- oder Fingerspuren sind noch zu sehen, und gefallen sie dir vielleicht sogar besser als eine vollkommen glatte Oberfläche?
Wenn du bei diesem kleinen Test schon merkst, dass deine Masse wegläuft, zu stark klebt oder beim Formen sofort wieder zusammensackt, korrigierst du sie jetzt. Das ist wesentlich entspannter, als diese Erkenntnis später auf deiner Vase zu haben.
Deine Vase vorbereiten.
Was soll bleiben, was darf verschwinden?
Stell deine Glasvase erst einmal vor dich und schau sie wirklich an, bevor du irgendetwas daraufklebst. Welche Linie gefällt dir bereits? Wo könnte mehr Volumen spannend werden? Soll viel vom Glas sichtbar bleiben oder nur noch ein schmaler Ausschnitt?
Gerade weil wir mit einer vorhandenen Vase beginnen, müssen wir ihre Form nicht bekämpfen. Wir können sie benutzen. Eine Rundung kann weitergeführt, ein Bauch übertrieben oder eine Seite so stark verändert werden, dass die ursprüngliche Symmetrie fast vollständig verschwindet.
Die Bereiche, die später unter dem Pulp verschwinden, reinigst und entfetest du zunächst. Danach beklebst du diese Stellen sorgfältig mit Malerkrepp beziehungsweise Papierklebeband. Damit schaffen wir eine griffigere Zwischenfläche, auf der wir weiterarbeiten können.
Bereiche, in denen du das Glas später bewusst sehen möchtest, lässt du frei. Besonders schön wird das oft dort, wo die Grenze nicht einfach gerade um die Vase läuft, sondern selbst Teil der neuen Form wird.
Die neue Form.
Erst die Silhouette, später die Oberfläche.
Beginne mit einem überschaubaren Bereich und arbeite dich von dort weiter. Wenn du deutlich mehr Volumen aufbauen möchtest, versuch nicht, alles mit einer einzigen dicken Masse zu erledigen, sondern entwickle die Form in Etappen, damit du zwischendurch immer wieder sehen kannst, was mit der ursprünglichen Vase passiert.
Geh während der Arbeit immer wieder ein paar Schritte zurück und schau auf die gesamte Silhouette. Eine Stelle, die aus zwanzig Zentimetern Entfernung fantastisch modelliert aussieht, kann aus zwei Metern Entfernung vollkommen belanglos sein. Für eine Statement-Vase zählt deshalb nicht nur die Oberfläche, sondern vor allem die große Form.
Fotografiere die Vase zwischendurch von vorne und von der Seite. Auf einem Foto fallen Proportionen oft schneller auf, weil du das Objekt plötzlich wieder als Ganzes siehst und nicht nur die Stelle, an der deine Hände gerade arbeiten.
Prüfen und korrigieren.
Gib der Vase die Zeit, die sie jetzt braucht.
Bevor du größere Korrekturen machst oder mit der Oberfläche weiterarbeitest, muss die Masse vollständig trocknen. Besonders an dickeren Stellen braucht das länger als an dünnen Flächen, und gerade dort lohnt es sich, nicht zu ungeduldig zu werden.
Wenn alles trocken ist, drehst du die Vase langsam und schaust dir Risse, lose Stellen, Übergänge, Kanten und die gesamte Form an. Kleine Unregelmäßigkeiten müssen dabei keineswegs verschwinden. Gerade diese Spuren können später dafür sorgen, dass die Oberfläche lebendig aussieht und nicht so, als wäre sie aus einer Maschine gefallen.
Korrigiert wird dort, wo etwas technisch nicht hält oder die Form für dich noch nicht stimmt. Danach lässt du auch die ergänzten Stellen wieder vollständig trocknen.
Farbe.
Jetzt wird sie deine.
Glatt ist nur eine Möglichkeit.
Bevor du zur Farbe greifst, entscheide, wie viel von der modellierten Oberfläche bleiben soll. Du musst nicht jede Delle und jede Spur verschwinden lassen. Eine unruhigere Oberfläche fängt Licht anders ein und kann gerade bei großen Vasen wunderschön wirken, weil sich die Form mit dem Licht im Raum verändert.
Nimm eines deiner trockenen Probestücke vom Anfang und probiere deine gewünschte Farbe beziehungsweise dein Finish dort zuerst aus. So siehst du, wie stark die Farbe in die Oberfläche einzieht und ob die Struktur danach noch so wirkt, wie du sie haben möchtest.
Und dann schau dir deine fertige Vase noch einmal mit etwas Abstand an. Nicht nur direkt von vorne, sondern von der Seite, von schräg oben und einmal in einem anderen Licht. Mach Fotos davon. Du wirst dabei Dinge entdecken, die dir während des Bauens überhaupt nicht aufgefallen sind.